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Ab nach Berlin!
"Voilà- on va à Berlin!" Gerade ist Niko durch die Tür gestürzt und proklamiert, dass es nun los ginge.
Ich hatte mich schon auf einen entspannten Abend eingestellt, die erste Flasche Rotwein wurde geöffnet, im salle de séjour lungerten noch ein paar Freunde, die nicht den Anschein machten, sich bald durch das nächtliche Paris in ihre eigenen appartements aufzumachen.
T’es fou, toi! Es ist 22 Uhr und von Berlin trennen uns mehr als 1000 km. Von James und Julie, unseren potentiellen Mitfahrern, fehlt jede Spur und die große Reisetasche in Nikos Händen unterstreicht zwar seine entschiedenen Reisepläne, ist aber tatsächlich nichts anderes als seine Sporttasche…
"On va regarder la carte!" entscheidet er. Eifriges Geblätter, " on va prendre ……..euh….. " - " Ach gib das her, Niko! Das ist ‘ne Karte von 1966. Da stand ja noch die Mauer!"
"Mais ouiii ! Tu étais entourée du mur! Ouest ou l’Est? Tu étais déjà née ?! " Er fragt mich dies mit einem Augenzwinkern. Dennoch, die Teilung der Stadt, die derzeit von vielen jungen Franzosen zum Feiern und Ausspannen bereist wird, bleibt auf besondere Weise immer noch ein riesiges Spektakel.
"Je veux le voir" sagt Niko interessiert und vertieft sich in die Karte. Und mit einem weiteren Augenzwinkern stellt er fest: "Ouf….C’est pas à côté!"
Es ist jetzt halb 12 und wir fahren mit dem Wagen, mit Nikos "caisse", gen Heimatstadt.
Kurz folgt die Entscheidung wieder nach Paris zurückzukehren. Auf der Autobahn konnten die beiden Mitstreiter erreicht werden, sie seien gleich da und wollen mitfahren… "Ces salauds!"
Mindestens 11 Stunden Zeit, die mich nach Hause und meine Leute in eine unbekannte Stadt bringen. Viel Zeit für Pinkelpausen, Fahrerwechsel , Lachen, Streiten und BerlingeschichtsInfos aus dem LonelyPlanet auf Französisch. Ich hatte vorgesorgt. Um 3 wacht James verwirrt auf: "Mon Dieu…. Ich habe geträumt, ich säße am Steuer. Dann habe ich gemerkt, dass ich schlafe!"
Na das ist ja beruhigend denke ich - ich jedenfalls lenke gerade das Auto.
Ein paar Meter hinter der deutschen Grenze müssen wir anhalten. Nicht wegen der Landesgrenze - nein, die haben wir gar nicht bemerkt. Ein mir vertrautes Auto schiebt sich vor unseres:
BITTE FOLGEN. Wir folgen. Und wir bleiben stehen.
"Spricht hier jemand deutsch?"
Eine korpulente, blonde Frau in Polizeiuniform steckt ihren Kopf in unser Auto. Sie sieht mich mit zerzausten schwarzen Haaren, Niko, der sie leicht angeekelt an die Beifahrertür drückt, den schwarzen James, der Polizeikontrollen augenscheinlich gewohnt ist und nach seinem passeport kramt. Julie hat schon länger niemand mehr gesehen, sie schläft unter einer Decke.
"Ich bin Deutsche", sage ich und die Frau wirkt überrascht. "Nun, geben sie mir bitte alle Ihre Ausweise sowie Ihren Führerschein und die Fahrzeugpapiere."
Alle kramen, nur James hält der Frau sofort gelangweilt seine Papiere entgegen.
Nach einem kurzen Identitätscheck, einem Blick in unseren vermüllten Kofferraum und einer abschließenden Belehrung über die Gefahren des Autobahnverkehrs ist Recht und Ordnung genüge getan und wir sind wieder unterwegs.
Und irgendwann sind wir da.
Wir fahren über Zehlendorf nach Berlin ein. Der gutbürgerliche Bezirk entlockt Niko ein "Bah non - c’est pas la France ça!"
Zum Glück wird er auf der Reise auch noch konträre Stadtimpressionen erleben, denn es geht nach Kreuzberg. Bei einem Döner, den Niko als " un sandwich" missversteht, mobilisieren wir unser Wissen über das geteilte Berlin. Mir graust es vor einer Touri-Demonstration der Berliner Geschichte mit Besuch des Checkpoint Charlies und Fotos mit verkleideten Grenzsoldaten. Zum Glück liegt nur ein paar Straßen weiter das Bezirksmuseum Friedrichhain-Kreuzberg, in dem wir die Stadtgeschichte anhand des multikulturellen Bezirks miterleben können.
Hier sieht mein französischer Besuch Fotos von über Nacht entstandenen Sackgassen, von Menschen, die auf einmal ausländische Nachbarn haben. Ein Bezirksmodell mit kleinen Bildapparaten erlaubt uns einen Blick hinter die Wohnungstüren der Berliner zur Zeit der Mauer.
Je verrückter das Zeitgeschehen, das um sie herum stattfindet, desto normaler scheinen die Menschen, die es erlebten. Für mich, die die Stadt als geeinte Stadt kennt, in der es nur sehr wenige Grenzen, dafür umso mehr Möglichkeiten gibt, ist dies ein besonderer Moment.
Denn auch wenn uns hier Geschichte vor Augen geführt wird, auch wenn ich nachher die U6 vom Mehringdamm in die Oranienburger Str. nehmen werde und mich nichts an die damalige Grenze zwischen diesen Stationen erinnern wird, haftet jedem Winkel meiner Stadt seine Vergangenheit an.
Wir fahren weiter in den Prenzlauer Berg und trinken im Mauerpark unser erstes Bier. Wir schaukeln vor den Resten der Mauer und je höher wir kommen, desto mehr reizt es uns, einfach abzuspringen - auf die andere Seite. Was damals so unüberwindbar war, ist von uns nur einen Schaukelsprung entfernt.
Wir erkunden die nachträglich angebrachten Malereien und bei der Vorstellung, uns zur Zeit der Städteteilung so weit an die Mauer herangewagt zu haben, weichen wir alle kurz erschrocken zurück.
Gleich um die Ecke befindet sich einer der typischen Läden des Prenzlauer Bergs, die wie große Schatztruhen wirken. Wir wühlen uns durch Kleidungsstücke, die augenscheinlich schon vor dem Fall der Mauer angefertigt wurden, und die getragen von der Szene des Bezirks auf einmal wieder topmodisch erscheinen.
Neben Schuhen und urigen Möbeln finden wir auch Postkarten und Fotos aus DDR-Tagen und Nikos Wahl fällt auf ein vergilbtes Foto aus dem Jahr 1984. Es zeigt ein Haus in der Heinrich Heine Str. - das steht heute noch- doch damals war der Ausblick der Mieter direkt auf die Mauer gerichtet. Kein Mensch ist zu sehen. Es ist ein anderes Berlin.
Wir steigen wieder ins Auto und fahren kreuz und quer durch die Stadt, auch an dem Haus auf dem Foto vorbei. Das Gewusel, das stetig von der einen Straßenseite auf die andere wechselt, ist sich nicht bewusst, dass es immer wieder starre Grenze überquert, denn sie ist verschwunden.
Den Abend genießen wir bei Musik. Es ist noch Sommer und Berlin tanzt sich in den nächsten Tag. Die verschiedensten Leute sind unterwegs, sie kommen aus den unterschiedlichsten Richtungen und haben alle das Gefühl hier frei sein zu können.
"Du wohnst schon in einer tollen Stadt."
"Ich weiß!"
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